Jake und das Märchenbuch der Spiegelgedanken

Jake drückte seine Nase gegen die Fensterscheibe der verschlossenen Bibliothek. Seit Großvaters Tod vor drei Monaten hatte niemand mehr diesen Raum betreten. Heute hatte Mama ihm endlich den Schlüssel gegeben.
Die Tür quietschte. Staubpartikel tanzten im Sonnenlicht zwischen den hohen Bücherregalen. Jake atmete den vertrauten Geruch ein – altes Papier und Großvaters Pfefferminztee. Seine braunen Augen wanderten über die unzähligen Buchrücken, bis sie auf einem purpurroten Einband hängenblieben. Das Buch leuchtete schwach, als hätte es auf ihn gewartet.
Mit zitternden Fingern zog Jake es heraus. „Die Spiegelgedanken" stand in goldenen Lettern darauf. Als er es aufschlug, wirbelten die Buchstaben wie Rauchschwaden und formten sich neu. Plötzlich hörte er eine Stimme in seinem Kopf: „Endlich kommst du, Jake. Ich habe solche Angst vor dem dunklen Wald!"
Jake klappte das Buch erschrocken zu. Hatte er das wirklich gehört? Er öffnete es erneut. Die Seite zeigte eine Prinzessin mit wilden braunen Haaren – genau wie seine eigenen – die vor einem düsteren Waldrand stand.
„Ich bin Prinzessin Dornelind", erklang die Stimme wieder. „Und ich kann deine Gedanken hören!"
„Das ist unmöglich", flüsterte Jake.
Dichter Nebel quoll aus dem Buch und materialisierte sich zu einem Drachen, nicht größer als eine Katze, dessen Schuppen wie Rauchkristalle schimmerten. „Falsch, junger Leser", sagte Rauchkristall mit einer Stimme wie knisterndes Feuer. „Dornelind liest nicht deine Gedanken. Du projizierst deine Ängste in ihre Geschichte."
Jake wich zurück. „Was soll das heißen?"
„Das Märchenbuch zeigt dir, was in dir steckt", erklärte der Drache. „Dornelind fürchtet sich nicht vor dem Wald. Du tust es."
Jake spürte, wie sein Herz schneller schlug. Seit Großvaters Tod hatte er Angst vor vielen Dingen – vor der Dunkelheit in seinem Zimmer, vor der neuen Schule, vor dem Alleinsein.
Plötzlich sprang Dornelind aus den Seiten und landete neben ihm. Sie war genauso groß wie er und sah ihn ernst an. „Ich will dir etwas zeigen", sagte sie und nahm seine Hand.
Der Bibliotheksraum verwandelte sich. Sie standen am Rand des dunklen Waldes aus dem Buch. Jake wollte wegrennen, doch Dornelind hielt ihn fest. „Schau genau hin."
Zwischen den Bäumen huschten Schatten. Jake erkannte Gestalten – die Umzugskisten in seinem neuen Zimmer, sein leeres Klassenzimmer, Großvaters leerer Sessel. Alles, was ihm Angst machte.
„Sie haben nur so viel Macht, wie du ihnen gibst", flüsterte Rauchkristall, der auf Jakes Schulter gelandet war.
Jake holte tief Luft. Er machte einen Schritt in den Wald. Die Schatten wichen zurück. Mit jedem weiteren Schritt wurde es heller.
„Du verstehst jetzt", sagte Dornelind lächelnd. „Märchen erzählen nicht nur Geschichten. Sie spiegeln uns."
Als Jake wieder in der Bibliothek stand, fühlte er sich anders. Leichter. Das Buch in seinen Händen glühte warm. Er würde wiederkommen, morgen und jeden Tag danach. Nicht um zu flüchten, sondern um sich selbst zu begegnen.