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Anna und das Lied im Bauch

🐉 Mit Luminos Alter des Kindes: 6 Jahre
Anna und das Lied im Bauch

Anna sang immeraber nur ganz leise. So leise, dass niemand sie hören konnte. Unter der Bettdecke. Im Badezimmer. Wenn das Wasser rauschte.

Heute hatte Oma Geburtstag. Im Wohnzimmer standen Blumen in einer blauen Vase. Der Kuchen roch nach Vanille und Zitrone. Kerzen flackerten leise.

Anna wollte Oma ein Lied singen. Ein ganz besonderes Lied. Sie hatte es lange geübt. Aber jedes Mal, wenn sie den Mund aufmachte, blieb das Lied einfach stecken.

„Es kitzelt im Hals“, flüsterte sie. „Und mein Bauch ist ganz eng.“

„Das kenne ich“, sagte eine warme Stimme.

Anna schaute sich um. Auf ihrem Liederbuch saß ein kleines Wesen. Klein und orange und freundlich. Seine Schuppen schimmerten wie Honig in der Sonne.

„Ich bin Luminos“, sagte der Drache. Er verbeugte sich höflich.

Anna staunte. „Was? Wirklich ein Drache?“

„Ja. Aber ein ungewöhnlicher.“ Luminos lachte leise. „Ich kann keine Flammen spucken. Jedes Mal, wenn ich es versuche, kommen stattdessen Worte raus. Manchmal ganze Geschichten. Am Anfang fand ich das schrecklich. Alle anderen Drachen konnten Feuer. Ich konnte nur... Geschichten.“

Anna runzelte die Stirn. „Aber Geschichten sind doch schön.“

„Ja“, sagte Luminos sanft. „Das sehe ich heute auch so. Aber ich musste das erst selbst glauben. Lange habe ich mich versteckt. Ich dachte, meine Worte wären zu klein. Zu zitterig. Zu leise.“

Anna nickte. Genau so fühlte sie sich auch.

„Und weißt du, was ich gelernt habe?“, fragte Luminos. Er flog einen kleinen Kreis um Annas Kopf. „Meine Worte müssen nicht wie Feuer sein. Sie müssen nur von mir kommen. Das reicht.“

Er landete ganz vorsichtig auf ihrer Schulter. Seine Schuppen fühlten sich warm an, wie ein Sonnenstrahl.

„Deine Stimme gehört dir, Anna. Sie ist deine, ganz allein. Oma wartet nicht auf perfektes Singen. Sie wartet auf dich.“

Anna schaute zur Tür. Man hörte Omas Stimme aus der Küche. Sie lachte über etwas. Dieses Lachen kannte Anna seit immer.

„Aber was, wenn meine Stimme schief klingt?“, fragte Anna.

„Dann klingt sie eben schief“, sagte Luminos. „Schief ist auch ein Klang. Und wer dich liebhat, hört nicht auf die Töne. Er hört auf dein Herz.“

Anna dachte lange nach. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Der enge Knoten wurde ein bisschen weicher.

Sie atmete tief durch. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann öffnete sie den Mund.

Die ersten Töne zitterten. Wie kleine Vögel, die zum ersten Mal flogen. Dann wurden sie größer. Und wärmer. Und runder.

Oma kam ins Wohnzimmer. Sie blieb in der Tür stehen. Ihre Hände legten sich auf ihr Herz.

Anna sang weiter. Ihre Stimme wurde fester. Am Ende sang sie den letzten Ton ganz laut.

Als sie fertig war, hatte Oma Tränen in den Augen. Die gute Sorte.

„Das war das schönste Geburtstagsgeschenk“, sagte Oma leise. „Danke, mein Schatz.“

Sie umarmte Anna fest. Es roch nach Omas Lavendelseife.

Luminos lächelte und schwebte langsam davon. Goldene Worte rieselten hinter ihm her. Und Anna sang das Lied noch einmaldiesmal ohne Angst.